Pressespiegel – Velobiz Magazin 06/2018

HP Velotechnik im Spiegel der Medien: Der folgende Text ist ein Ausriss aus dem deutschen Magazin für die Fahrradbranche Velobiz 06/2018. Wir empfehlen für die komplette Lektüre das Original beim Verlag anzufordern.

 

Aus freakig wird Hightech

Die Geschichte dieses Unternehmens ist auch zum Teil die des Liegerads: HP Velotechnik hat in 25 Jahren seine Nische selbst definiert. Mancher Weg von damals sieht rückwirkend wie ein Plan B aus. Doch innerhalb der jeweiligen Entwicklung war er – einfach logisch.

Text und Fotos: Georg Bleicher

Wenn zwei grundverschiedene Menschen sich zusammentun, dann kracht es. Oder es kommt gerade deshalb eine runde Sache heraus, weil sie vielleicht komplette Gegenstücke zueinander bilden – da ergänzt die Denke des Einen perfekt die Ideen des Anderen oder schafft Möglichkeiten für deren Umsetzung. Wer Daniel Pulvermüller und Paul Hollants kennt, glaubt eher letzteres. Denn die beiden so unterschiedlichen Typen sind seit 1992 ein erfolgreiches Team im deutschen Fahrradbau. Der entspannte, zurückhaltende Sportler-Typ mit Hang zum Praktischen und einem Schalk im Nacken einerseits, der in druckreifen Sätzen sprechende »Velo-Intellektuelle«, allzeit bereit, technische Einwände mit rationalen Argumenten zu entkräften, andererseits. Keine schlechte Mischung. Die zwei sitzen mit ihrem Unternehmen HP Velotechnik und 43 Angestellten in einer gut 2.000 Quadratmeter großen Halle in Kriftel bei Frankfurt. Die Bezeichnung »Fahrradbau« ist eher unzureichend. In der schlichten metallverkleideten Industriehalle entstehen vor allem Tadpoles: Liegedreiräder mit zwei Rädern vorne und einem angetriebenem Rad hinten – der Gegensatz zu Delta-Trikes, die Spezialität der anderen großen Spezialradfirma in Deutschland, Hase Bike. In Kriftel ist das Tadpole in seiner wohl am weitesten entwickelten Form zuhause. Daneben gibt es von HP noch die Einspurer – klassische Liegeräder, mit denen das Unternehmen vor etwa 15 Jahren langsam auch in der Radöffentlichkeit bekannter wurde. Dabei war der Plan bei der Entstehung ein ganz anderer.

Öko-freakig und Technik-verliebt

Ganz im Wortsinne eine runde Sache war, was herauskam, als Paul Hollants und Daniel Pulvermüller als jugendliche Überzeugungstäter ihr erstes Projekt angingen. Es sollte die gemeinsame Geschichte bestimmen: Ein Dreirad mit Karosserie, eingereicht zum Jutec-Wettbewerb des Ingenieursverbands VDI. »Das war einfach die Zeit, Ende der 80er, Anfang der 90er«, sagt Hollants. »Natürlich waren wir damals Ökos. Und: Mobilität – das war das Zauberwort.« Und bei Regen trocken in die Schule zu kommen, war auch eine schöne Vorstellung. »Dabei war es damals richtig schwer, runde Formen zu bauen!« Die Karosserie sollte nicht eng sein wie die der klassischen Velomobile, schließlich soll man auch seinen Einkauf transportieren können. Das gefederte Dreirad mit nach hinten klappender Haube machte bei dem Wettbewerb erst landesweit, dann bundesweit den ersten Platz – und brachte den beiden enorme Medien-Aufmerksamkeit.

Der tatsächliche Einstieg ins Bike-Business kam aber mit einem anderem Konzept: »Wir haben gemerkt: So oft regnet es doch gar nicht«, so Hollants lachend. Sperrigkeit und hohes Gewicht des Prototypen waren auch nicht ohne. Doch auch die anderen, einspurigen Liegeräder der beiden zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Unter anderem bei einem fortschrittsbewussten Lehrer von Hollants – er wollte ein Liegerad von den beiden. »Ich hab‘ heute noch Respekt davor, dass er uns damals vertraute, dass wir ihm ein zuverlässiges und sicheres Gefährt bauen!« Der Lehrer bekam sein Rad für wenig einträgliche 1500 Mark und Hollants und Pulvermüller weitere Bestellungen. Die zunächst verbauten Schweinestall-Rohre – Vierkantrohre aus dem ehemaligen Schweinestall eines Bekannten – waren bald aufgebraucht. Der örtliche Großhändler, bei dem die beiden schon früher ein Praktikum gemacht hatten, durfte natürlich nur an Gewerbetreibende verkaufen. So wurden die beiden gezwungenermaßen zu Unternehmern.

Der »Kurzlieger« wird State of the Art

Aus Plan A – Auto-Ersatz per innovativem Dreirad – entstand ein Unternehmen, das mit hohem Anspruch Zweiräder für Reisen und sportliche Touren entwickelte. Die Street Machine und später die Speed Machine sind Räder, die in den Nuller-Jahren in puncto Qualität und Komfort an die Spitze der Liegerad-Szene rollten – zusammen mit niederländischen Ligfiets-Unternehmen, die damals wie heute oft noch zeigen, wo es lang geht im zweirädrigen Liegerad-Bereich. Schnell machte man sich in Kriftel einen Namen durch die Detailversessenheit ihrer Kurzlieger – also den Rädern, deren Tretlager vor dem Vorderrad liegen, im Gegensatz zu den Langliegern (Tretlager zwischen Steuerkopf und Sitz), die heute weitgehend ausgestorben sind. Im Focus: Komfort und Ergonomie. Der von Sitzen etwa. Ein Hauptargument für das Liegerad ist ja, neben der besseren Aerodynamik, traditionell der Komfort – vor allem in Sachen Sitzen. Und wer sich nicht vorstellen kann, was ein Netzsitz für Ergo-Details haben kann, dem kann Paul Hollants viel erzählen. Aber auch die Fahrwerksdynamik liegt den jungen Unternehmern am Herzen. Maschinenbau-Ingenieur Pulverinüller und Wirtschaftsingenieur Hollants entwickelten schon in den Nuller-Jahren das No-Squat-System, das Kurbelrückschläge beim Einfedern minimiert. Da die technischen Details bald ein Aushängeschild für das Unternehmen wurden, stellte HP 2007 mit Martin Wöllner einen zweiten Entwicklungsingenieur ein.

2.000 Quadratmeter Highend-Velobau

Es ist enger geworden seit dem Umzug ins neue Hallenheim vor vier Jahren. Heute kann man das vorhandene Platzangebot als »gut genutzt« beschreiben. Auch heute hängt der Himmel voller Rahmen: Unter der Decke baumeln Alu-Skelette der zukünftigen Bikes und Trikes, garniert mit Laufzetteln, die ihre Herkunft wie Zukunft bezeichnen. Darunter: Zehn Arbeitsplätze an Montagespinnen, an denen die Räder komplettiert werden. Raumtrenner sind vor allem Werkzeugregale – und eine Wand, auf der ein Teil des beachtlichen Pressespiegels über das Unternehmen gepinnt ist.

Hier arbeitet ein bunter Haufen. Wie bei vielen Arbeitgebern in der Branche gibt es auch hier Flüchtlinge, die sich integrieren konnten unter den Angestellten. Fahrradaffin sind sie wohl so ziemlich alle.

An der Hinterseite der Halle: der gemütliche Pausenraum nebst Küchenzeile. Von hier geht’s direkt zum Parkplatz – viele Fahrräder und einige Autos friedlich nebeneinander – und zum Hinterhof mit »Außengastronomie«, sprich: Kohlegrill.

Die 200 Quadratmeter im ersten Stock teilen sich die Chefs im separaten Büro, der Vertrieb, die Kommunikationsabteilung und die Buchhaltung. Ein Büro, das auch in jeder Spedition so aussehen könnte, wären da nicht die großformatigen Bilder: Eine Wand breit ist eine sportliche Trike-Szene in den Alpen, die im offenen Büro von Pressesprecher Alexander Kraft und seinem Kollegen Heiko Truppel, Online-Marketing-Manager, für die Bike-Atmo sorgt. Wer bei den Namen aufhorcht: Richtig, die Kollegen sind in der Branche schon vor ihrer Zeit beim Liegeradspezialisten bekannt.

Ein kleiner Mittelständler leistet sich einen eigenen Pressesprecher und zusätzlich noch einen Online-Marketing-Spezialisten? Spezialrad ist eine kleine, aber sehr feine Nische, was sich schon im Durchschnittspreis der verkauften Räder ausdrückt: Bei sagenhaften 5.600 Euro pendelt er derzeit.

Man muss nicht erst mit dem Durchschnittspreis des »normalen« Fahrrads hierzulande von 698 Euro (2017) argumentieren, um zu erkennen, dass hier bereitwillige Käufer mit vollen Brieftaschen gesucht und gefunden werden – und die wollen anders überzeugt werden als Menschen, die sich ihr Rad im Baumarkt »holen«.

Ein neuer Plan B

Eine Zäsur – und mit der Grund, von einem alten Backsteinhaus in diese Industriehalle zu ziehen – war der Einstieg von HP Velotechnik in die Trike-Produktion 2005. Langjährige Besucher der Spezialradmesse Spezi können sich noch an die Jahre ab etwa 2003 erinnern. Damals verschob sich innerhalb weniger Messejahre fast das komplette Angebot: Statt dem Zweirad stand das Liegedreirad plötzlich auf den Ständen. Und die Spezi ist ein Spiegel der Spezialrad-Wirtschaft. »Die war und ist für uns nicht wegzudenken«, erklärt Hollants später: »Die Eurobike ist der Showcase, auf der Spezi werden Impulse gesetzt. Da wird man detailliert zu jeder einzelnen technischen Entwicklung befragt, und wieso man es nicht anders gemacht hat«, erklärt er. Und zeigt damit, wie sehr die Spezialradmesse besonders früher einer Diskussionsplattform glich.

Zurück zum Trike. Für die Reha und Menschen mit Einschränkungen war es schon immer präsent, allerdings hauptsächlich als Aufrecht-Rad. Die Möglichkeiten, die ein Trike bietet, kann man aber auch für den Sportbereich nutzen. So brachte das Unternehmen 2005 den Scorpion auf den Markt, sein erstes Tadpole. Ein Jahr darauf kam das Rad in faltbarer Ausführung. An Reha dachte damals wohl niemand in Kriftel. 2008 dann ein Meilenstein in Sachen Fahrwerksdynamik: Das voll gefederte Scorpion fs. Die Besonderheit: Die vordere Radaufhängung nach dem McPherson-Prinzip entstammt dem Automobilbau – das Federbein, bei dem der Stoßdämpfer selbst die Aufgabe der Radführung mit übernimmt, ist ein Standard im PKW-Bau; ähnliches gilt für den Querlenker, der verhindert, dass sich das Rad bei schneller Kurvenfahrt allzu sehr nach außen neigt.

Innerhalb kürzester Zeit ergab sich eine neue Klientel: Menschen, die Fahrspaß und Sicherheit mit dem Komfort eines Dreirads verbinden wollen – und vielleicht auch etwas technikbegeistert sind. Beim Stopp entspannt zurückgelehnt sitzen bleiben, die Füße auf den Pedalen, das Fahrgefühl: Gokart. Seit 2008 gibt es alle Räder von HP mit E-Unterstützung.

Zunächst ist es ein Heckmotor, der den Triker unterstützt, später können auch zwei Shimano-Mittelmotoren konfiguriert werden. Denn nach Markt-Gesichtspunkten ist es fast selbstverständlich, dass die Räder bei einem der 120 Premium-Händler individuell zusammengestellt werden. Das fängt bei der Wunschfarbe an und hört bei denunterschiedlichen Sitzen oder Sitzhöhen nicht auf. Rein rechnerisch ergibt sich bei den 15 Modellen auf Basis von Scorpion, Gekko, Street Machine und Speed Machine etwa eine halbe Million Variationen.

Vom Ökomobil zum Medizinprodukt

Letzteres führt uns zu Plan B III – wobei Pressesprecher Kraft diese Veränderung eher als ebenso schleichend wie logisch beschreibt: Dass vor einigen Jahren HP Velotechnik den Reha-Markt für sich entdeckte. »Die Grenzen sind ja fließend. Es fing bei uns an, dass wir den Scorpion mit Aufstehhilfen anboten.« Das sind Stützen mit Handgriffen rechts und links, die das Einsteigen und Absteigen erleichtern. Die Programmerweiterung Richtung Reha ging grundsätzlich auf Händler zurück, die Kundenanregungen weitergaben. 2014 gab es dann das Dreirad auch mit einem bis zu 14 Zentimeter höheren Sitz – das Scorpion Plus.

»Mit mehr Sitzhöhe war das aber nicht getan – das gesamte Rad musste da neu entwickelt werden«, erklärt Kraft beim Rundgang durch die Halle im Schweißraum, wo alle Prototypen gefertigt werden. Der Scorpion-Rahmen musste wegen des höheren Schwerpunktes zunächst verbreitert und verlängert werden – zum besseren Aufsteigen wurden auch die beiden Rad-Ausleger weiter Richtung Sitz, also nach hinten, gesetzt. Als man das Potenzial des Marktes erkannte, ging es flott weiter: Pedale mit Fuß- und Fersen- oder Unterschenkelfixierung, ein Halter für GehhilfenEinhand-Bedienung, Handauflagen. Wo hört der Bereich Komfort auf, wo fängt Reha an? Die Frage ist hinfällig, auch viele durchaus sportliche Kunden bestellen den Scorpion mit Handauflagen oder einer Kopfstütze. Und auch das Plus-Modell ist für viele Genussfahrer eine Option.

Die Premium-Händler von HP sind übrigens mittlerweile speziell geschult, bietet das Unternehmen doch mit genannten Komponenten Medizinprodukte an. Ebenso mit dem ungefederten Rad für Kinder und kleine Erwachsene Gekko fxs, das nicht nur technisch eine Besonderheit besitzt: Es hat eine Hilfsmittelnummer. Bedeutet: Bei Eignung für den jeweiligen Patienten unterstützt die Krankenkasse den Kauf dieses Trikes bis hin zur vollen Kostenübernahme. Dass das ein besonderer Anreiz ist, Trikes für Kinder mit Einschränkungen oder in der Reha zu bauen, leuchtet ein. HP und Hase Bikes sind übrigens die beiden mit Abstand größten Spezialrad­Anbieter der Branche – aus Fahrradperspektive: Dreiräder, die über die Sanitätshäuser vertrieben werden, nicht eingerechnet.

HP hat ein starkes Standbein im Export: Etwa 50 Prozent der Räder gehen ins Ausland, 50 Prozent davon wiederum in die USA.

Hightech mit 45 km/h

Die Rahmen kommen aus verschiedenen Schmieden in Fernost, gebaut werden alle Räder außer dem neuen »Volkstrike« Gekko 26 (ungefedert, 1990 Euro) in Kriftel.

Dass HP heute weit oben in der Hightech-Skala steht, zeigt auch die neue S-Pedelec-Variante des Scorpion. Durch letztjährige Gesetzesänderungen wurden einige Neuerungen notwendig. Das bedeutete viel Entwicklungsaufwand, doch auch viel Imagetransfer, der mit Details wie der minimalistischen aber sehr wirkungsvollen Blinker-Anlage oder dem nur für die Zulassung nötigen Schauglas zur Kontrolle der Bremsflüssigkeit.

Da solche Hightech-Produkte erklärungsintensiver sind als Räder von der Stange, legt HP viel Wert auf Kommunikation – die schon angesprochene Abteilung erstellt Modell-Kataloge. die an Umfang und Tiefe ziemlich einzigartig sein dürften – und mit Geschichten über Radabenteuer emotional packen. Für die Produktfotos gibt es sogar ein eigenes Fotostudio. Für den Relaunch des kompletten Markenauftritts – der mit der Schlüsselfarbe Blau gelassener, technischer, vielleicht auch etwas seriöser daherkommt – konnte man letztes Jahr Branchen-Designer Guido Golling gewinnen. Auch das spricht dafür, dass man mit Spezialrädern nicht auf Masse schielen, aber ein sehr erfolgreicher Highend-Anbieter sein kann.

Wichtig zu wissen: Plan B ist einfach Plan A in eine andere Richtung; sie wird vom zu erwartenden Erfolg vorgegeben.