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Press room - RadlMagazin 03/1998
HP Velotechnik in the news: the following text is an excerpt from the German magazine RadlMagazin, issue 03/1998. We recommend to order the complete magazine from the publishing house to read the whole story.
Den Horizont in Rückenlage erweitern
Draufsetzen und losfahren", versprach der Herr von HP Velotechnik, "genauso wie mit jedem anderen Rad." Sein Wort in Gottes Ohr, denk' ich und dreh' mir sicherheitshalber das linke Pedal gleich in Antrittsposition. Mit dem kleinen Ruck, den ich zuerst mir und dann dem Rad gebe, komme ich wirklich in Bewegung und fahre, fahre Schlangenlinien mit dem HP Wavey.
Zunächst erscheint mir dieses Ding vor allem wendig bis zum Umfallen. Mehr noch: Das Wavey schlägt selbständig alle möglichen Richtungen ein, bis ich merke daß ich mit etwas mehr Feingefühl schnell lernen kann, ihm meinen Willen genauer zu diktieren.
Das Radfahren, so deucht mir, muß ich ein bißchen neu erlernen, was mit dem wesentlich anderen Balancegefühl zusammenhängt: Je flacher der Körper liegt, desto weniger Gewicht hat er sozusagen zum Ausbalancieren zur Verfügung; ein völlig gestreckt liegender Fahrer hätte logischerweise nur noch eine minimale Möglichkeit zur Gewichtsverlagerung, so seltsam das klingen mag, ist es kaum möglich, ein Fahrrad zu steuern.
Das Wavey ist quasi als Familien-Liegerad konzipiert: In Sekundenschnelle ist der dick gepolsterte Kunststoff-Sitz sowie die Lehne, ein stabiler Alu-Rahmen mit strapazierfähiger Netzbespannung mittels Schnellspanner auf die passende Körpergröße zwischen 1,65 und 1,90 Meter eingestellt und schon geht's los. Für die Allround-Eigenschaften spricht auch der hochgezogene Lenker, vor allem Liegerad-Anfänger schätzen dieses Relikt vom "Normalrad", an dem man sich wörtlich und übertragen gut festhalten kann.
Ich habe jedenfalls mittlerweile einen gewissen Grad an Sicherheit mit diesem Gefährt erreicht, und mit jedem Meter macht es mehr Spaß. Mit einem Radstand von einem Meter und 20-Zoll-Rädern ist dieses Fahrrad enorm kurvenfreudig, der Wavey-Fahrer selbst ist das sicher nicht von Anfang an, da es etwas schwieriger ist, damit Ideallinie zu fahren als mit dem Normalrad.
Ob ständiges Kopfsteinpflaster oder rasant gefahrene schlechte bis asphaltfreie Nebenstrecken, die Ballistic-Federgabel schluckt fast alles, was man ihr anbietet, und trotz sehr leichtem Ansprechen verbreitet sie kein schwammiges Fahrgefühl. Mag man's härter, ist die Federvorspannung einfach per Drehknopf zu erhöhen.
Der Komfort hört allerdings am Hinterrad schon wieder auf, da dieses ungedämpft Schläge zum Piloten weitergibt. Je nach Neigung der Lehne - wobei am Anfang zu einer eher aufrechten Position geraten sei - wird der Rücken drangsaliert: Bei flacherer Einstellung ist das Körpergewicht besser verteilt, und die Stöße werden mehr an der gut dämpfenden, flexiblen Rückenlehne absorbiert. Anfänger kommen also leider wieder einmal schlechter weg.
Das weich geschwungene Hauptrohr steigt nach vorne hin an, deshalb sitzen kleinere Menschen höher als große, da der Sitz nach vorne und nach oben wandert. Wegen der besseren Übersicht ist dieser Umstand aber durchaus zu begrüßen, da beim Bremsen an der Ampel die Füße auch klein gewachsener "Waver" locker zum Boden kommt.
Vielleicht sind sie bei Regen sogar zu früh unten, weil die Tektro-Cantis trotz der kleinen Laufräder dann ziemlich lange braucht, um richtig anzusprechen. Trocken zeigen sie vor allem vorne gute Leistung.
Immer die richtige Pedalstellung vorausgesetzt, komme ich an der Ampel schnell weg, die 17 Kilo Gesamtgewicht machen sich hier kaum bemerkbar. Das Wavey ist wie dafür geschaffen, vom langsamen Rollen aus zu beschleunigen. Durch den Gegenhalt am Sattel ist das Pedalieren dynamischer als beim Sitzrad, und flugs haben geübte Radlerbeine das Ding auf 40 Stundenkilometer oder mehr gezogen. Anfängern sei Vorsicht geraten: Beim Liegeradeln werden zum Teil andere Muskeln beansprucht als gewöhnlich, so daß starke Anfangsbelastung gerne ebensolchen Muskelkater verursacht.
Seltsamerweise kann man diesen dynamischen Effekt bei Steigung lange suchen. "Habe ich diesen Berg gestern nicht wie im Schlaf, wenn auch nicht im Liegen, gefahren?", frage ich mich und kann es mir doch nicht vorstellen ob der gegenwärtigen Anstrengung. Liegerad-Muskeln muß man erst aufbauen.
Entspannend sind dagegen längere Fahrten auf ebener Strecke; ich habe mich daran gewöhnt, daß Lenkkorrekturen wesentlich häufiger als bei einem "normalen" Rad nötig sind, wobei das an der erwähnten Geometrie des Rades liegt, nicht am stabilen Rahmen des Wavey, dessen wirbelsäulenartig geschwungenes Rohr sich als gar nicht "flatterhaft" herausstellte. Schnelles Fahren macht enorm Spaß und erschöpft auch wegen des günstigeren Luftwiderstandes weniger als gewohnt. ich genieße es, choppermäßig weit zurückgelehnt die Landschaft an mir vorbeigleiten zu lassen.
Die anfängliche Sehnsucht nach einer Kopfstütze hat sich gänzlich aufgelöst, betreffende Muskelpartien scheinen sich an diese Haltung gewöhnt zu haben. Ein hohes Reisetempo läßt sich angenehm halten, bisweilen stellt sich tatsächlich das immer wieder propagierte Liegeradfeeling ein "Nur Fliegen ist schöner" - solange man sich nicht umsehen muß; dann wird die komfortable Lehne zur Marterbank. Es ist weder einfach, den Kopf weit genug nach hinten zu drehen, noch bleibt das Rad bei dieser Gewichtsverlagerung so stabil, wie man sich das wünscht. Ein Rückspiegel zur Unterstützung wäre willkommen.
Entspannt in der schalenartigen Lehne, Hände lässig am High-Riser und fast auf Augenhöhe, dazu passen eigentlich auch nur Drehgriffschalter. Sie kommen wie das gesamte Schaltsystem - 7-fach-Cetera-Kettenschaltung und 3-fach-Gangnabe - von Sachs.
Dieses "3X7" genannte System bietet sich an, weil das Radkonzept mehr auf einfache Bedienbarkeit und Alltagstauglichkeit denn auf High-Tech und freakigiges Image abzielt. Außerdem kann durch die Verwendung eines einfachen Kettenblatts vorne die schier endlos lange Kette in speziellen Teflonröhrchen geführt werden, die nicht nur die beste Gleitfähigkeit besitzen, sondern die Kette auch sehr geräuscharm laufen lassen - und sowohl sie vor Schmutz als auch mich vor ihr wirksam schützen.
Nervend und ein Sicherheitsmanko am Testrad war seine Regenanfälligkeit, die sich bei den Cantis schon angedeutet hatte: Der Union-Dynamo weigerte sich bei meiner ersten Regenfahrt im Dunklen hartnäckig, seinen Dienst zu leisten - da half der Lumotec-Scheinwerfer genausowenig wie die Toplight-Rückleuchte. Später, im Trocknen, wollten sie es mit hellem Strahl und lang anhaltendem Standlicht wieder gutmachen, was mich zwar beeindruckte, doch nicht versöhnte.
Bei HP ist eine Standardausrüstung noch nicht gefunden. Dieser Dynamo in dieser Position kann es jedenfalls nicht sein. Im Regen äußerst unwohl fühlten sich auch die Sachs-Griffe: Durch den Wassereintritt, der bei einem nach unten gerichteten Lenker natürlich leichtes Spiel hat, fingen sie an, sich beim Schalten mit zudrehen und dann langsam davonzustehlen. So konnte es passieren , daß sich auch die Schaltdrehgriffe aus den Fassungen lösten, da sie nur durch die Gummigriffe gesichert sind. Bei HP Velotechnik nachgefragt, erklärte sich dieses Dilemma mit dem Fehlen einiger Tropfen Sekundenkleber, die die Griffe halten.
Das HP Velotechnik Wavey ermöglicht einen Einstieg in die Liegeradklasse für Leute, die nicht unbedingt Freaks werden und das Gerät auch als Alltagsrad nutzen wollen. Die gänzlich abgespeckte Version ohne Licht, Gepäckträger und Federgabel ist schon für 1.695 Mark zu haben, unser Modell kam auf etwa 2.220 Mark. Ein pfiffiges, robustes Liegerad mit diesen Qualitäten darf sicher kosten; auf die Beleuchtung sollte der Käufer aber besser vor dem Kauf ein wachsames Auge haben.
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